Lead Independent Director
Sprecher der unabhängigen VR-Mitglieder, eingesetzt wenn der Verwaltungsratspräsident nicht unabhängig ist.
Definition
Der Lead Independent Director (LID), in der angelsächsischen Praxis auch Lead Director genannt, ist ein unabhängiges Verwaltungsratsmitglied mit einer besonderen Rolle als Sprecher der unabhängigen Direktoren. Er wird eingesetzt, wenn der Verwaltungsratspräsident nicht unabhängig ist oder wenn die Funktionen von VR-Präsident und CEO in einer Person vereint werden (CEO Duality), wie es in der US-Praxis verbreitet ist.
Die Funktion soll eine kritische Gegenstimme im Präsidium sicherstellen und das Vertrauen institutioneller Investoren in die Governance-Qualität stärken. Der LID ist nicht Vize-Präsident im klassischen Sinn, sondern eine separate Funktion mit spezifischen Aufgaben in der Aufsicht über Präsident und CEO.
Mechanismus und Rechtsgrundlage
Schweizer Recht
Das Obligationenrecht kennt die Funktion des Lead Independent Director nicht explizit. Sie ist eine reine Best-Practice-Konstruktion, die sich über den Swiss Code of Best Practice for Corporate Governance und die SIX-Corporate-Governance-Richtlinie etabliert hat. Für börsenkotierte Gesellschaften gilt das Comply-or-Explain-Prinzip: Wenn der Präsident nicht unabhängig ist und kein LID bestellt wird, muss dies im Corporate-Governance-Bericht erläutert werden.
Internationale Standards
Im UK Corporate Governance Code ist der Senior Independent Director als verwandte Funktion fest verankert. In den USA ist der Lead Independent Director Standard bei Gesellschaften mit kombinierter Chairman/CEO-Rolle. Die Funktionen sind nicht identisch, überlappen aber in den Kernaufgaben Executive Sessions, Investoren-Dialog und Aufsicht über den Präsidenten.
Bestellung und Amtsdauer
Die Bestellung erfolgt durch die unabhängigen VR-Mitglieder, oft auf Vorschlag des Nomination Committee. Übliche Amtsdauer ist zwei bis drei Jahre mit Möglichkeit der Wiederwahl. Der LID muss selbst unabhängig sein und sollte über substanzielle VR-Erfahrung verfügen.
Praxis in der Schweiz
In der Schweiz ist die LID-Funktion vor allem bei börsenkotierten Gesellschaften mit dominantem Aktionär oder ehemaligem CEO als Präsident anzutreffen. Beispiele finden sich bei familiengeprägten SMI-Gesellschaften, bei Holdingstrukturen mit Ankerinvestor und bei Gesellschaften nach Wechsel vom CEO zum VRP.
Typische Aufgaben in der Schweizer Praxis:
- Executive Sessions: Regelmässige Sitzungen der unabhängigen Mitglieder ohne Präsident und CEO, oft zwei- bis viermal jährlich.
- Performance-Beurteilung des VRP: Koordination der jährlichen Beurteilung des Präsidenten.
- Investoren-Dialog: Ansprechpartner für institutionelle Investoren in heiklen Governance-Fragen.
- Krisen-Funktion: Aktivierung bei Konflikten zwischen Präsident und übrigen VR-Mitgliedern.
- Nachfolge-Steuerung: Koordination der Nachfolge des Präsidenten.
Die Honorierung erfolgt typischerweise über einen Funktionszuschlag von 20'000 bis 80'000 Franken zusätzlich zum normalen VR-Honorar.
Häufige Fehler
- Symbolische Einsetzung: Der LID wird formal bestellt, übt seine Funktion aber nicht aktiv aus.
- Mangelnde Unabhängigkeit: Der LID hat selbst zu enge Bindungen an Präsident oder Hauptaktionär.
- Fehlende Executive Sessions: Die wichtigste operative Funktion findet nicht oder nur pro forma statt.
- Unklare Mandatsdefinition: Aufgaben und Befugnisse sind im Organisationsreglement nicht festgeschrieben.
- Konflikt-Vermeidung: Der LID scheut die Konfrontation mit dem Präsidenten und verfehlt seine Korrektiv-Funktion.
- Verwechslung mit Vize-Präsident: Beide Funktionen werden vermischt, was die Klarheit der Rollen unterminiert.
- Fehlende Investoren-Sichtbarkeit: Der LID tritt gegenüber Investoren nicht als eigenständige Stimme auf.
Abgrenzung
- Vize-Präsident: Stellvertreter des VRP in dessen Abwesenheit, oft mit operativer Vertretungsfunktion. Der LID ist kein Stellvertreter, sondern Korrektiv.
- Senior Independent Director: Britische Variante derselben Grundidee mit identischer Stossrichtung. In der Schweizer Praxis oft synonym verwendet.
- Nomination Committee Chair: Eigene Funktion mit Fokus auf VR-Zusammensetzung. Kann mit dem LID identisch sein, muss es aber nicht.
- Unabhängiger Director: Statusbeschreibung, der LID ist eine Funktion zusätzlich zu dieser Eigenschaft.
Häufige Fragen
Was ist ein Lead Independent Director?
Wann braucht eine Schweizer Gesellschaft einen LID?
Welche Aufgaben hat der LID konkret?
Wer wählt den LID?
Wie unterscheidet sich der LID vom Senior Independent Director?
Welche Befugnisse hat ein LID gegenüber dem VR-Präsidenten?
Ist der LID nach OR vorgeschrieben?
Wie wird die LID-Funktion in der Praxis sichtbar?
Verwandte Einträge
- Unabhängigkeit — Eigenschaft von VR-Mitgliedern, frei von Interessen, Beziehungen oder Bindungen zu sein, die ihre unabhängige Urteilsbildung beeinträchtigen könnten — Schlüsselkonzept moderner Corporate Governance.
- Verwaltungsratspräsident (VRP / Chairman) — Vorsitzender des Verwaltungsrats mit besonderen Aufgaben und einem Stichentscheid bei Stimmengleichheit.
- Non-Executive Director — Nicht operativ tätiges Verwaltungsratsmitglied mit Aufsichts- und Strategieaufgabe.
- Corporate Governance — Gesamtsystem der Führung und Kontrolle einer Gesellschaft — Verhältnis zwischen Verwaltungsrat, Geschäftsleitung, Aktionären und weiteren Stakeholdern.
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