Mandatsannahmeprüfung
Strukturierte Prüfung durch die Kandidatin vor Annahme eines VR-Mandats, betreffend Unternehmen, Risiken, Zeitaufwand, Haftung und Kultur.
Definition
Eine Mandatsannahmeprüfung ist die strukturierte Prüfung durch eine VR-Kandidatin vor Annahme eines Mandats. Geprüft werden Unternehmens-Situation, Risiken, Haftungsexposition, Zeitaufwand, Vergütung, Kultur sowie persönliche Vereinbarkeit. Sie ist Spiegelbild der Fit-and-Proper-Prüfung, die durch die Gesellschaft erfolgt.
Hinweis: Mandatsannahmeprüfung ist ein in der Beratungs- und Vermittlungs-Praxis von vrmandat.com etablierter Begriff. Eine breit zitierte wissenschaftliche Quelle existiert (noch) nicht. Sie wird in der Praxis als zentrale Sorgfaltspflicht der Kandidatin verstanden und ist Ausdruck professioneller Reife.
Warum sie wichtig ist
VR-Mandate bringen erhebliche persönliche Haftung nach OR Art. 754, hohen Zeitaufwand, Reputations-Exposition und langfristige Verpflichtungen. Wer ohne strukturierte Prüfung annimmt, riskiert:
- Überlastung durch unterschätzten Zeitaufwand.
- Reputationsverlust durch Verbindung mit problematischer Gesellschaft.
- Haftungs-Konsequenzen bei mangelhafter Sorgfalt.
- Eingeständnis eines Fehlers durch Demission nach kurzer Zeit.
Die Prüfung ist Selbstschutz und Ausdruck professioneller Reife.
Geprüfte Bereiche
Unternehmens-Situation
- Geschäftsmodell und Marktposition.
- Finanzlage: Liquidität, Eigenkapital, Bankenexposition.
- Strategie und strategische Optionen.
- Eigentümer-Struktur und Konflikt-Potenziale.
Risiken
- Operative Risiken in Kerngeschäft und Lieferkette.
- Regulatorische Risiken und Compliance-Status.
- Reputations-Risiken und mediale Exposition.
- Anhängige Rechtsstreitigkeiten.
Haftung und D&O
- D&O-Versicherungspolice: Deckungssumme, Ausschlüsse, Selbstbehalte.
- Side-A-Deckung für nicht-versicherbare Fälle.
- Verantwortlichkeitsrisiken nach OR Art. 754.
Zeit und Vergütung
- Sitzungs-Frequenz und Vorbereitungsaufwand.
- Ausschuss-Mandate und ihre Belastung.
- Krisen-Reserve: Verfügbarkeit für intensive Phasen.
- Vergütungs-Modell und Mandatsvertrag.
Kultur und Zusammensetzung
- VR-Kultur: Diskussions-Stil, Kritik-Fähigkeit.
- Zusammensetzung: Kompetenz-Mix, Diversität.
- VR-Präsidium: Führungs-Stil und Erwartung.
- Verhältnis zur GL und zu Eigentümern.
Persönliche Vereinbarkeit
- Bestehende Mandate: Konflikte, Cross-Mandate, Kompetenz-Konflikte.
- Hauptberuf: Vereinbarkeit und Arbeitgeber-Zustimmung.
- Persönliche Lebenssituation: Zeit-Reserve, Reisebereitschaft.
Verlangte Dokumente
- Jahresrechnung und Vorjahre (typisch 3 Jahre).
- Revisionsberichte inklusive Management Letter.
- Statuten und Organisationsreglement.
- Geschäftsordnung VR.
- Aktuelle Strategie und mittelfristige Planung.
- Risikoanalyse und IKS-Beschreibung.
- D&O-Versicherungspolice.
- Pflichtenheft VR.
- Vergütungsmodell und Mandatsvertrag-Entwurf.
- Auskunft über offene Rechtsstreitigkeiten und regulatorische Themen.
Die Verfügbarkeit und Qualität dieser Dokumente ist bereits ein zentraler Qualitäts-Indikator.
Rote Flaggen
- Unklare Eigentümerverhältnisse oder ungelöste Aktionärs-Konflikte.
- Intransparente Finanzlage mit fehlenden Zahlen.
- Ungelöste Compliance-Probleme.
- Fehlende oder veraltete D&O-Versicherung.
- Dominante Persönlichkeiten ohne Diskussions-Kultur.
- Unrealistische Zeit-Erwartungen.
- Mangelhafte Governance-Dokumentation.
- Anhängige Verantwortlichkeitsklagen.
- Kulturelle Inkompatibilität.
- Druck zu schneller Zusage ohne Prüfungs-Zeit.
Prüfungs-Prozess
- Erstgespräch mit VR-Präsidium und 1 bis 2 weiteren Mitgliedern.
- Dokumenten-Anforderung und -Prüfung.
- Vertieftes Gespräch zu offenen Themen.
- Gespräch mit CEO und ggf. CFO.
- Eigene Recherche: Handelsregister, Medien, Branchen-Netzwerk.
- Diskussion mit Vertrauenspersonen unter NDA.
- Eigene schriftliche Bewertung vor Entscheidung.
Typische Dauer: 2 bis 6 Wochen. Wer Druck spürt, innerhalb weniger Tage zuzusagen, sollte besonders kritisch prüfen.
Häufige Fehler
- Charme-Faktor: Begeisterung verdrängt kritische Prüfung.
- Fehlende Dokumenten-Anforderung aus Höflichkeit.
- Unterschätzung des Zeitaufwands.
- Fehlende Vergütungs-Klärung vor Zusage.
- Verschweigen eigener Konflikte: Cross-Mandate, Kompetenz-Konflikte.
- Fehlende D&O-Prüfung.
Abgrenzung
- Fit-and-Proper-Prüfung: durch die Gesellschaft, Mandatsannahmeprüfung durch die Kandidatin.
- Mandatsvertrag: das vertragliche Resultat, die Prüfung geht ihm voraus.
- Onboarding VR: nach Annahme, die Prüfung ist davor.
Häufige Fragen
Was ist eine Mandatsannahmeprüfung?
Warum ist eine Mandatsannahmeprüfung wichtig?
Welche Bereiche werden in der Mandatsannahmeprüfung geprüft?
Welche Dokumente verlangt eine Kandidatin typisch?
Was sind rote Flaggen, die zur Mandatsablehnung führen?
Wie lange dauert eine seriöse Mandatsannahmeprüfung?
Verwandte Einträge
- Fit-and-Proper-Prüfung — Prüfung, ob VR-Kandidierende fachlich geeignet, persönlich integer und zeitlich verfügbar sind, regulatorisch verankert insbesondere im Finanz- und Versicherungsbereich.
- Rekrutierungsprozess VR — Strukturierter Ablauf der VR-Besetzung von der Bedarfsklärung über Profil, Suche, Prüfung, Gespräche und Wahl bis zum Onboarding.
- Direktmandat — VR-Mandat, das ohne öffentliche Ausschreibung direkt über persönliche Kontakte, Empfehlungen oder spezialisierte Vermittler besetzt wird.
- Mandatsvertrag VR — Vertragliche Regelung ergänzender Aspekte eines VR-Mandats, insbesondere Vergütung, Spesen, Vertraulichkeit, Haftung, D&O und Beendigungs-Modalitäten.
- Haftung des Verwaltungsrats — Persönliche, solidarische und unbeschränkte Haftung der VR-Mitglieder für schuldhafte Pflichtverletzungen gegenüber Gesellschaft, Aktionären und Gläubigern.