Comply or Explain
Swiss-Code-Prinzip, wonach Abweichungen von Governance-Empfehlungen zwar zulässig, aber begründet öffentlich erläutert werden müssen.
Definition
Comply or Explain ist ein Governance-Prinzip, wonach Empfehlungen nicht zwingend befolgt werden müssen, Abweichungen aber öffentlich begründet werden. Es schafft Flexibilität für Unternehmen unterschiedlicher Grösse, Branche und Eigentümerstruktur, ohne die Auseinandersetzung mit Governance-Standards zu verlieren.
In der Schweiz ist das Prinzip im Swiss Code of Best Practice for Corporate Governance (economiesuisse) und in der SIX-Richtlinie betreffend Informationen zur Corporate Governance verankert. International prägt es u.a. den UK Corporate Governance Code und ähnliche Kodizes.
Rechtsgrundlage
Zwei Ebenen sind zu unterscheiden:
- Swiss Code als Soft Law: keine direkte Rechtsverbindlichkeit, aber faktische Erwartung bei börsenkotierten Gesellschaften und Best Practice für nicht kotierte.
- SIX Corporate Governance-Richtlinie: verbindliche Berichterstattungspflicht für SIX-kotierte Gesellschaften, inkl. expliziter Erläuterung von Abweichungen.
Verstösse gegen die SIX-Pflicht können sanktioniert werden, beim Swiss Code wirkt vor allem der Markt-Druck durch Investoren, Proxy Advisors (ISS, Glass Lewis) und Stakeholder.
Anwendung
Das Prinzip greift bei zahlreichen Empfehlungen:
VR-Zusammensetzung
- Unabhängigkeit einer Mehrheit der VR-Mitglieder.
- Trennung CEO und VRP.
- Amtsdauer und Rotation.
- Diversität in Geschlecht, Erfahrung, Internationalität.
Ausschüsse
- Audit Committee, Compensation Committee, Nomination Committee mit unabhängigen Mitgliedern.
- Risk Committee in regulierten Branchen.
Vergütung
- Variable Vergütung an Performance-Kriterien gebunden.
- Long-Term Incentives mit Aktienorientierung.
- Clawback-Klauseln.
Governance-Systeme
- Risiko-Management und IKS.
- Compliance-Organisation.
- Nachhaltigkeitsberichterstattung.
Anatomie einer guten Explain-Begründung
Eine substanzhafte Erläuterung adressiert drei Ebenen:
- Schutzgut der Empfehlung: Was will die Empfehlung sicherstellen (z.B. Unabhängigkeit der Kontrolle)?
- Spezifische Situation: Warum passt die Empfehlung in der konkreten Konstellation nicht (Familienunternehmen, Branchenstruktur, Phase)?
- Alternative Wahrung des Schutzguts: Wie wird das Schutzgut anders gewahrt (z.B. durch einen unabhängigen Lead Independent Director)?
Pauschale Floskeln wie „passt nicht zu unserer Grösse" oder „wir folgen einem anderen Ansatz" sind keine Explain-Begründung im substanziellen Sinne.
VR-Verantwortung
Der Verwaltungsrat muss:
- Jede Empfehlung explizit prüfen und bewusst befolgen oder begründet abweichen.
- Begründungen formulieren, die für Investoren und Stakeholder nachvollziehbar sind.
- Jährlich überprüfen, ob die Begründung weiterhin trägt.
- Veränderungen kommunizieren, wenn neue Empfehlungen befolgt oder bisherige verlassen werden.
Eine reife Comply or Explain-Kultur zeigt Reflexionsfähigkeit und Selbstvertrauen, eine schlechte Compliance-Theater ohne Auseinandersetzung.
Vorteile gegenüber strikter Regulierung
- Flexibilität: Empfehlungen, die für SMI-Konzerne sinnvoll sind, müssen nicht für Familien-KMU passen.
- Reflexion: der Zwang zur Begründung erzeugt Auseinandersetzung mit dem Schutzgut.
- Marktbasiertheit: Investoren bewerten die Qualität der Begründung und sanktionieren ungenügende Explain-Praxis durch Kursdiskonts oder Abstimmungsverhalten.
- Evolution: Standards können sich entwickeln, ohne dass jede Empfehlung Gesetzeskraft erreichen muss.
Häufige Fehler
Typische Schwächen:
- Box-Ticking: formale Erwähnung ohne substanzielle Begründung.
- Pauschale Verweise auf Grösse, Branche oder Aktionariat.
- Verschweigen von Abweichungen.
- Beschönigende Sprache statt offener Sachverhaltsdarstellung.
- Nicht-Adressieren des Schutzguts der Empfehlung.
- Statische Begründungen ohne jährliche Überprüfung.
Comply or Explain in der Praxis
Investoren und Proxy Advisors prüfen Corporate Governance-Berichte systematisch auf Qualität der Begründungen. Schlecht begründete Abweichungen führen zu negativen Voting-Empfehlungen bei der Generalversammlung (Wahl von VR-Mitgliedern, Décharge, Vergütungsbericht).
Bei wiederholt schwacher Begründung droht zudem aktivistischer Druck und Reputationsschaden in der Investorenkommunikation.
Abgrenzung
- Strikte Regulierung: Pflichtnormen ohne Ausnahmemöglichkeit (z.B. OR-Vorschriften) — Comply or Explain ist die flexible Alternative.
- Best Practice: Empfehlungen ohne Berichtspflicht — Comply or Explain ergänzt sie um Transparenz.
- Transparenz: Oberprinzip — Comply or Explain ist eine konkrete Anwendung im Governance-Bereich.
Häufige Fragen
Was bedeutet Comply or Explain?
Welche Empfehlungen unterliegen Comply or Explain?
Wo werden Abweichungen erläutert?
Was ist eine gute Explain-Begründung?
Ist Comply or Explain rechtlich verbindlich?
Welche Vorteile hat Comply or Explain gegenüber strikten Regeln?
Was sind typische Fehler beim Comply or Explain?
Verwandte Einträge
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- Compliance — Regeltreue der Gesellschaft — Einhaltung von Gesetzen, internen Richtlinien und ethischen Standards sowie das System zur Sicherstellung dieser Einhaltung.
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