Governance-Audit
Systematische Prüfung von Statuten, Reglementen, Rollen, Protokollen und Risikoarchitektur einer Gesellschaft auf Governance-Reife.
Hinweis: Governance-Audit ist ein in der Beratungs- und Vermittlungs-Praxis von vrmandat.com etablierter Begriff. Eine breit zitierte wissenschaftliche Quelle existiert (noch) nicht.
Definition
Ein Governance-Audit ist die systematische Prüfung der Governance-Architektur einer Gesellschaft auf Vollständigkeit, Konsistenz, Reifegrad und Wirksamkeit. Geprüft werden Statuten, Organisationsreglement, Geschäftsordnung VR, Pflichtenhefte, Ausschuss-Charters, Protokollführung, Risiko- und Compliance-Frameworks, Vergütungsstrukturen, Nachfolge- und Krisenpläne.
Ziel ist die Identifikation von Lücken, Inkonsistenzen und Reifegrad-Defiziten gegenüber gesetzlichen Pflichten (OR Art. 716a und 717), Best Practice (Swiss Code) und spezifischen Stakeholder-Erwartungen.
Anlässe
Typische Auslöser:
- VR- oder CEO-Wechsel als Reset-Moment.
- M and A-Vorbereitung: Due Diligence von beiden Seiten.
- Börsenkotierung oder Vorbereitung darauf.
- Nach Compliance-Vorfällen oder Krisen.
- Bei Grössen- oder Komplexitäts-Sprüngen (Internationalisierung, neue Geschäftsfelder).
- Periodisch alle drei bis fünf Jahre als Hygiene-Massnahme.
- Neue regulatorische Anforderungen (CSRD, EU AI Act, ISG).
Prüffelder
Ein vollständiger Governance-Audit deckt typischerweise ab:
Formelle Architektur
- Statuten: Aktualität, Konsistenz, Regelungstiefe.
- Organisationsreglement: Aufgabenverteilung VR-GL.
- Geschäftsordnung VR: Sitzungen, Entscheidung, Protokolle.
- Ausschuss-Charters: Audit, Compensation, Nomination.
Rollen und Verantwortlichkeiten
- Pflichtenheft VRP, VR-Mitglieder, CEO.
- Berichtswege und Eskalationspfade.
- Vier-Augen-Prinzip und Unterschriftsregelungen.
Risiko und Compliance
- Risiko-Management-Framework.
- IKS und Kontrollarchitektur.
- Compliance-Organisation.
- Whistleblowing-Strukturen.
Protokollführung und Dokumentation
- VR-Protokolle: Vollständigkeit, Nachvollziehbarkeit.
- Beschluss-Dokumentation.
- Aufbewahrung und Zugriff.
Strategische Steuerung
- Strategieprozess und Strategie-Dokumente.
- Performance-Steuerung und KPIs.
- Nachfolgeplanung VR und CEO.
Durchführung
Typischer Ablauf:
- Scoping: Definition der Prüffelder und Tiefe.
- Dokumentenanalyse: Statuten, Reglemente, Protokolle, Frameworks.
- Interviews mit VR-Mitgliedern, CEO, CFO, General Counsel.
- Beobachtung einer VR-Sitzung (optional).
- Befundsynthese mit Reifegrad-Bewertung.
- Empfehlungen priorisiert nach Risiko und Aufwand.
- Präsentation vor VR mit Diskussion.
- Implementations-Begleitung (optional).
Typische Befunde
Häufige Schwächen:
- Veraltete Reglemente, die nicht mit der Praxis übereinstimmen.
- Unklare Zuständigkeiten zwischen VR und GL.
- Unvollständige Protokollführung.
- Formale Risiko-Landkarten ohne Konsequenz.
- Fehlende Whistleblowing-Strukturen.
- Schwache Nachfolgeplanung.
- Ungenutzte Ausschuss-Strukturen.
- Inkonsistenzen zwischen Statuten und Reglementen.
VR-Verantwortung
Der VR muss:
- Periodisch einen Governance-Audit einfordern.
- Befunde ernst nehmen und priorisiert behandeln.
- Massnahmen umsetzen und Umsetzung überwachen.
- Transparenz gegenüber Aktionären und Stakeholdern wahren.
Häufige Fehler
- Audit als Verteidigungsritual statt Lerngelegenheit.
- Selbst-Audit ohne externe Sicht.
- Befunde ablegen ohne Massnahmen.
- Audit nur bei Krise statt periodisch.
Abgrenzung
- Board Evaluation: prüft Arbeitsweise und Wirksamkeit des Gremiums — Governance-Audit prüft die formale Architektur.
- Compliance-Audit: prüft Regeleinhaltung — Governance-Audit prüft die Steuerungs-Architektur.
- Revisionsstelle: prüft Rechnungslegung — kann am Rande Governance-Befunde liefern, ersetzt aber keinen Audit.
Häufige Fragen
Was ist ein Governance-Audit?
Wann ist ein Governance-Audit sinnvoll?
Wer führt ein Governance-Audit durch?
Was sind typische Audit-Ergebnisse?
Wie unterscheidet sich Governance-Audit von Board Evaluation?
Verwandte Einträge
- Corporate Governance — Gesamtsystem der Führung und Kontrolle einer Gesellschaft — Verhältnis zwischen Verwaltungsrat, Geschäftsleitung, Aktionären und weiteren Stakeholdern.
- Board Evaluation — Systematische Selbst- und Fremdbeurteilung des Verwaltungsrats — Reflexion über Performance, Funktionsweise und Verbesserungs-Potenziale.
- Compliance — Regeltreue der Gesellschaft — Einhaltung von Gesetzen, internen Richtlinien und ethischen Standards sowie das System zur Sicherstellung dieser Einhaltung.
- Risiko-Management — Systematische Identifikation, Bewertung, Steuerung und Überwachung aller wesentlichen Risiken einer Gesellschaft — Kernverantwortung des VR.