Finanzplanung
Langfristige Planung der Finanzierung, Investitionen und Liquidität als unübertragbare Aufgabe des Verwaltungsrats nach OR Art. 716a.
Definition
Finanzplanung umfasst die mehrjährige Planung von Finanzierung, Investitionen und Liquidität einer Gesellschaft. Sie verbindet die strategische Planung mit den finanziellen Konsequenzen und zeigt den Kapital- und Liquiditätsbedarf über typisch 3 bis 5 Jahre.
Sie ist die langfristige Perspektive der Budgetverantwortung und gehört nach OR Art. 716a Ziff. 3 zu den unübertragbaren Aufgaben des Verwaltungsrats.
Rechtsgrundlage
OR Art. 716a Ziff. 3 verlangt die Ausgestaltung des Rechnungswesens, der Finanzkontrolle sowie der Finanzplanung, sofern diese für die Führung der Gesellschaft notwendig ist. Diese Aufgabe ist unübertragbar, der VR muss sie selbst wahrnehmen, auch wenn die operative Erstellung an die Geschäftsleitung delegiert ist.
In kritischen Finanzlagen verschärft sich die Pflicht:
- OR Art. 725: Bei Kapitalverlust muss der VR Sanierungs-Massnahmen prüfen.
- OR Art. 725a: Pflicht zur Erstellung einer Zwischenbilanz bei begründeter Besorgnis.
- OR Art. 725b: Benachrichtigung des Richters bei Überschuldung (sofern keine Rangrücktritte).
Die seit der Aktienrechtsrevision 2023 geltenden präzisierten Liquiditätspflichten haben die Bedeutung der Finanzplanung weiter erhöht.
Praxis
Komponenten
| Bereich | Inhalt | Frequenz |
|---|---|---|
| Bilanz-Planung | Anlage-/Umlaufvermögen, Kapitalstruktur | Jährlich für 3-5 Jahre |
| Erfolgs-Planung | Umsatz, Marge, EBITDA, Reingewinn | Jährlich, ggf. quartalsweise |
| Cashflow-Planung | Operativ, investiv, Finanzierung | Monatlich/quartalsweise |
| Investitions-Planung | CAPEX, Projekt-Pipeline | Jährlich für 3-5 Jahre |
| Finanzierungs-Planung | EK, FK, Liquiditäts-Reserven | Bei Bedarfsänderungen |
Szenarien
Best Practice ist die Planung in mehreren Szenarien:
- Best Case: Optimistische Annahmen.
- Base Case: Wahrscheinliche Annahmen.
- Worst Case: Stress-Szenario.
Die Sensitivitäten der Hauptkennzahlen (Umsatzwachstum, Marge, Zinsen, Wechselkurse) werden separat analysiert.
VR-Prozess
- Strategie-Update: Frühjahr, Aktualisierung des strategischen Rahmens.
- Annahmen-Workshop: Sommer, Diskussion der Eckwerte.
- GL-Erstellung: Herbst, CFO-Team erstellt Pläne.
- Audit-Committee-Review: Oktober, kritische Prüfung der Annahmen.
- VR-Genehmigung: November/Dezember, Verabschiedung.
- Kommunikation: Verteilung an Stakeholder (Banken, ggf. Investoren).
Bedeutung in der Krise
In Krisensituationen wird die Finanzplanung zum zentralen Steuerungs-Instrument:
- Rolling Forecasts: Aktualisierung monatlich oder häufiger.
- Liquiditäts-Bridge: Wochengenaue Liquiditäts-Sicht.
- Covenant-Monitoring: Kreditbedingungen laufend überwachen.
- Sanierungs-Szenarien: Optionen frühzeitig durchspielen.
Häufige Fehler
- Zu optimistische Annahmen: Hockey-Stick-Plan ohne realistische Basis.
- Mangelnde Szenarien: Nur ein Plan, keine Stress-Tests.
- Ignorierter Cashflow: Fokus auf GuV, Liquidität wird übersehen.
- Fehlende VR-Diskussion: Plan wird durchgewinkt ohne kritische Prüfung.
- Verspätete Reaktion auf Abweichungen: Re-Forecasting unterbleibt, Plan wird unbrauchbar.
- Mangelhafte Verknüpfung mit Strategie: Finanzplanung ist von Strategie entkoppelt.
Abgrenzung
- Jahresbudget: Kurzfristig (1 Jahr), die Finanzplanung ist mittel- bis langfristig.
- Business-Plan: Umfasst auch nicht-finanzielle Elemente, die Finanzplanung ist rein finanziell.
- Liquiditätsplanung: Fokus auf Cash, ein Teil der Finanzplanung.
- Strategie-Plan: Qualitativ-strategisch, die Finanzplanung quantifiziert die Konsequenzen.
Häufige Fragen
Was ist Finanzplanung im Sinn von OR Art. 716a?
Was ist der Unterschied zwischen Finanzplanung und Budget?
Welche Bestandteile hat eine Finanzplanung?
Wer erstellt die Finanzplanung?
Welche Pflichten löst eine kritische Finanzplanung aus?
Verwandte Einträge
- Jahresbudget — Finanzielle Planung für ein Geschäftsjahr mit Umsatz-, Ergebnis-, Investitions- und Liquiditäts-Zielen.
- Budgetverantwortung — Verantwortung des Verwaltungsrats für Überwachung und Freigabe von Budgets und Investitionen als Teil der Finanzplanung.
- Liquiditätsplanung — Systematische Vorausschau auf den zukünftigen Cashflow einer Gesellschaft — zentrales VR-Steuerungsinstrument zur Vermeidung der Zahlungsunfähigkeit.
- Business Plan — Strategisches Planungsinstrument, das Unternehmensstrategie in konkrete Ziele, Massnahmen und Finanzprojektionen übersetzt.