Gender Pay Gap
Geschlechterbedingte Lohndifferenz innerhalb einer Gesellschaft — als Governance-Kennzahl zunehmend Bestandteil von Vergütungsberichten und ESG-Reporting.
Definition
Der Gender Pay Gap bezeichnet die Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern in einer Gesellschaft, einer Branche oder einer Volkswirtschaft. Methodisch wird zwischen zwei Kennzahlen unterschieden, die in der Kommunikation regelmässig verwechselt werden.
Der unbereinigte Gender Pay Gap ist die absolute Differenz der Durchschnittslöhne, ausgedrückt in Prozent. Er reflektiert reale Lohnunterschiede, ohne nach Ursachen zu differenzieren. Der bereinigte Gender Pay Gap adjustiert um objektive Faktoren wie Funktion, Erfahrung, Ausbildung, Pensum und Branche und misst die residuelle Differenz nach Kontrolle dieser Variablen. Der bereinigte Gap wird als Indikator für direkte Lohndiskriminierung interpretiert.
Für den Verwaltungsrat ist der Gender Pay Gap zentrale Governance-Kennzahl, weil er die Glaubwürdigkeit der Vergütungs-Policy, die Compliance mit dem Gleichstellungsgesetz und die ESG-Performance der Gesellschaft prägt.
Mechanismus und Rechtsgrundlage
Die Schweizer Rechtsgrundlage zum Gender Pay Gap ist mehrschichtig und kombiniert Verfassungs-, Gesetzes- und Verordnungsebene.
Bundesverfassung
Art. 8 BV statuiert die Gleichberechtigung von Mann und Frau und das Recht auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Diese Verfassungsgarantie ist die normative Grundlage für alle nachgelagerten Regelungen.
Gleichstellungsgesetz
Das Gleichstellungsgesetz (GlG) konkretisiert seit 1996 das Diskriminierungsverbot im Arbeitsverhältnis. Mit der Revision von 2020 (in Kraft seit 1. Juli 2020) wurden Lohngleichheitsanalysen für Arbeitgeber ab 100 Mitarbeitenden verpflichtend (GlG Art. 13a). Die Analyse muss:
- Alle vier Jahre erfolgen.
- Mittels einer wissenschaftlich anerkannten Methode durchgeführt werden, typisch Logib.
- Durch eine unabhängige Stelle überprüft werden.
- Den Mitarbeitenden kommuniziert werden.
- Bei börsenkotierten Gesellschaften im Geschäftsbericht ausgewiesen werden.
Aktienrecht
Die Aktienrechtsrevision 2023 hat indirekt zur Sichtbarkeit des Themas beigetragen, weil Vergütungsberichte (OR Art. 734) Diversitäts-Aspekte zunehmend abdecken müssen. Die Geschlechterrichtwerte ab 2026 (20 Prozent Frauen im VR, 30 Prozent in der GL börsenkotierter Gesellschaften nach Comply-or-Explain) erhöhen den Druck zur Adressierung struktureller Ursachen des Pay Gap.
Verordnung gegen übermässige Vergütungen
Die VegüV regelt zwar primär Vergütungshöhen bei Organen, nicht direkt den Gender Pay Gap. Ihre Transparenzanforderungen erhöhen aber die Sichtbarkeit von Vergütungsstrukturen, einschliesslich Geschlechterdifferenzen an der Spitze.
Logib
Das Bundesamt für Justiz stellt Logib als kostenloses Standardwerkzeug zur Verfügung. Die Software führt eine multivariate Regressionsanalyse durch und berechnet die bereinigte Lohndifferenz. Logib gilt als anerkannte Methode im Sinne von GlG Art. 13a.
Praxis Schweiz
In der Schweizer Praxis hat sich der Umgang mit dem Gender Pay Gap in den letzten Jahren deutlich professionalisiert, insbesondere bei börsenkotierten Gesellschaften und im öffentlichen Sektor.
Typische Werte
Der unbereinigte Pay Gap in der Schweizer Privatwirtschaft liegt laut Bundesamt für Statistik bei rund 17 bis 18 Prozent zugunsten der Männer. Der bereinigte Gap beträgt rund 7 bis 8 Prozent. Beide Werte sind über die letzten zehn Jahre langsam rückläufig, aber im internationalen Vergleich nicht spitze. Branchenunterschiede sind erheblich, mit Finanz- und Industriebranchen oberhalb des Schnitts.
Verbreitung der Lohngleichheitsanalyse
Ab 100 Mitarbeitenden ist die Analyse gesetzlich verpflichtend, mit Berichterstattung an die Mitarbeitenden und in den Geschäftsbericht. Bei börsenkotierten Gesellschaften erfolgt die Aufnahme in den Vergütungsbericht zunehmend, weil Proxy Advisors die Transparenz erwarten.
Geschlechterrichtwerte ab 2026
Die Aktienrechtsrevision 2023 hat Richtwerte eingeführt, die ab 2026 voll wirksam werden. Bei börsenkotierten Gesellschaften gelten 20 Prozent Frauen im Verwaltungsrat und 30 Prozent in der Geschäftsleitung als Sollwert nach Comply-or-Explain. Die Erfüllung beeinflusst die Lohnstruktur an der Spitze und damit den Pay Gap auf Organ-Ebene.
Vergütungsbericht
Best Practice ist die Aufnahme der Logib-Ergebnisse in den Vergütungsbericht börsenkotierter Gesellschaften. Ausgewiesen werden unbereinigter und bereinigter Gap, Methodik, Vergleich mit Vorperioden, Massnahmen zur Reduktion sowie der Status der gesetzlich vorgeschriebenen Überprüfung.
Massnahmen
Bei festgestellten Differenzen werden typisch folgende Massnahmen eingeleitet: Lohnstrukturanalyse mit Identifikation der Treiber, Anpassung von Lohnbändern, Überprüfung der Beförderungspraxis, Förderprogramme für unterrepräsentierte Gruppen in Führungspositionen, Mentoring und Sponsorship-Programme sowie Anpassungen an Vergütungs-Policy und Boni-Strukturen.
Rolle des Verwaltungsrats
Der VR trägt strategische Verantwortung für Lohngleichheit als Bestandteil der Corporate Governance. Konkrete Aufgaben: Sicherstellung der gesetzlichen Analyse, Bewertung der Ergebnisse, Einleitung von Massnahmen, Berichterstattung in Vergütungsbericht und ESG-Reporting, Verankerung in Vergütungs-Policy und HR-Governance sowie Berücksichtigung bei CEO-Performance-Bewertungen.
Häufige Fehler
In der Praxis tauchen wiederkehrende Schwächen auf:
- Rein gesetzliche Erfüllung der Lohngleichheitsanalyse ohne strategische Einbettung in die HR-Governance.
- Einmalige Analyse ohne kontinuierliches Monitoring zwischen den vierjährlichen Überprüfungen.
- Verwechslung von unbereinigtem und bereinigtem Gap in der externen Kommunikation, was Vertrauen kostet.
- Beschränkung auf Lohn ohne Berücksichtigung von Boni, LTI und Nebenleistungen, obwohl die Lohnschere oft in den variablen Komponenten besonders gross ist.
- Ignorieren systemischer Ursachen wie Funktionsstruktur, Beförderungspraxis oder Karriere-Pfade.
- Mangelnde Verankerung im Vergütungssystem, sodass Massnahmen nach Programm-Ende verpuffen.
- Fehlende Verknüpfung mit CEO-Zielen und LTI, sodass keine operative Verantwortung entsteht.
- Verzicht auf externe Validierung, was die Glaubwürdigkeit gegenüber Proxy Advisors schwächt.
Abgrenzung
Der Gender Pay Gap grenzt sich von verwandten Konzepten ab, die in Diversity- und Vergütungs-Diskussionen relevant sind:
Internal Pay Equity
Internal Pay Equity bezieht sich auf das Lohngefüge innerhalb der Gesellschaft, etwa das CEO-zu-Median-Ratio. Der Pay Gap fokussiert auf Geschlechterdifferenzen, ist also eine Teilmenge der breiteren Equity-Diskussion.
Equal Pay Audit
Der Equal Pay Audit ist die operative Durchführung der Lohngleichheitsanalyse, der Gender Pay Gap die resultierende Kennzahl.
Diversitätskennzahlen
Diversitätskennzahlen messen Anteile bestimmter Gruppen, etwa Frauenanteil im VR. Der Pay Gap misst die Lohndifferenz, also eine andere Dimension.
Pay Ratio Reporting
Pay Ratio Reporting beschreibt das Verhältnis zwischen höchster und mittlerer Vergütung. In der EU und den USA teils verpflichtend, in der Schweiz noch nicht. Der Gender Pay Gap ist eine eigene, geschlechterspezifische Kennzahl.
Gleichstellungsgesetz
Das GlG ist die rechtliche Grundlage, der Gender Pay Gap die empirische Kennzahl. Die Lohngleichheitsanalyse nach GlG Art. 13a operationalisiert die Messung.
Häufige Fragen
Was ist der Gender Pay Gap?
Welche rechtliche Grundlage hat der Gender Pay Gap in der Schweiz?
Welche Tools für Lohngleichheitsanalysen sind in der Schweiz etabliert?
Wie hängt der Gender Pay Gap mit der Aktienrechtsrevision 2023 zusammen?
Welche Verantwortung hat der Verwaltungsrat beim Gender Pay Gap?
Wie wird der Gender Pay Gap im Vergütungsbericht ausgewiesen?
Welche typischen Werte hat der Gender Pay Gap in der Schweiz?
Was sind häufige Fehler beim Umgang mit dem Gender Pay Gap?
Verwandte Einträge
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