Honorarmodell
Konkrete Ausgestaltung der VR-Vergütung — Wahl zwischen Fixum, Sitzungsgeldern, Aktien und Kombinationen sowie deren Höhen und Differenzierungen.
Definition
Das Honorarmodell beschreibt die konkrete Ausgestaltung der VR-Vergütung in einer Gesellschaft — die Wahl der Komponenten (Fixum, Sitzungsgelder, Aktien), deren Höhen, Differenzierungen nach Funktion und Mandat sowie die Anpassungs-Mechanik. Es ist die operative Konkretisierung des grundsätzlichen Vergütungssystems.
Während das Vergütungssystem die strategische Architektur beschreibt, definiert das Honorarmodell die konkrete Anwendung — vergleichbar dem Unterschied zwischen Strategie und Business Plan.
Honorarmodell-Komponenten
Ein Honorarmodell legt typischerweise fest:
Basis-Strukturen
- Reines Fixum: eine pauschale Jahresvergütung deckt alles ab.
- Fixum plus Sitzungsgelder: Basis-Vergütung plus pro Sitzung.
- Funktions-Differenzierung: Präsident, Vize, Ausschuss-Vorsitz mit gesondertem Fixum.
- Aktien-Komponente: fixe Aktien-Zuteilung als Long-Term-Element.
Konkrete Beträge
- Pro Mandat-Type: KMU, mittel, börsenkotiert.
- Pro Funktion: Mitglied, Vize, Präsident.
- Pro Ausschuss: unterschiedlich nach Ausschuss.
- Pro Sitzung: bei Sitzungsgelder.
Anpassungs-Mechanik
- Periodizität der Überprüfung.
- Indexierung an externe Massstäbe.
- Anpassungs-Korridor: bei welchen Veränderungen wird angepasst?
Typische Honorarmodelle in der Schweizer Praxis
Drei dominante Modelle:
Modell 1: Reines Pauschal-Fixum
- Beschreibung: Eine Jahres-Pauschale deckt das gesamte Mandat ab.
- Vorteile: Einfach, planbar, kein Anreiz zur Sitzungsteilnahme.
- Nachteile: Mitwirkungsgrad nicht differenziert, ausserordentliche Belastungen nicht abgegolten.
- Typisch für: Etablierte börsenkotierte Gesellschaften, Konzern-VR.
Modell 2: Fixum + Sitzungsgelder
- Beschreibung: Grundvergütung als Fixum, zusätzliche Vergütung pro tatsächlich besuchter Sitzung.
- Vorteile: Belohnt Engagement, deckt Aufwand realistisch ab.
- Nachteile: Administrativer Aufwand, kann Sitzungsfrequenz unnötig erhöhen.
- Typisch für: Mittelständische Gesellschaften, KMU.
Modell 3: Fixum + Aktien
- Beschreibung: Bargeld-Komponente plus jährliche Aktien-Zuteilung mit Sperrfrist.
- Vorteile: Long-Term-Alignment mit Aktionärsinteressen.
- Nachteile: Komplexer in Steuerung und Kommunikation.
- Typisch für: Börsenkotierte Gesellschaften, internationale Best Practice.
Beispiel-Honorarmodelle
KMU (CHF 50–500 Mio Umsatz)
- Mitglied: CHF 25'000 Fixum + CHF 2'000/Sitzung (4-6 Sitzungen/Jahr).
- Vizepräsident: CHF 40'000 Fixum + CHF 2'000/Sitzung.
- Präsident: CHF 100'000 Fixum + CHF 2'500/Sitzung.
- Ausschuss-Vorsitz: + CHF 15'000.
Mittelständische börsenkotierte Gesellschaft
- Mitglied: CHF 200'000 Pauschale, davon 30% in Aktien.
- Vizepräsident: CHF 350'000.
- Präsident: CHF 800'000–1.2 Mio.
- Audit Committee Vorsitz: + CHF 80'000.
- Compensation Committee Vorsitz: + CHF 60'000.
SMI-Gesellschaft (Grossgesellschaften)
- Mitglied: CHF 300'000–500'000 Pauschale, davon 40% in Aktien.
- Präsident: CHF 1.5–3 Mio Total Compensation.
- Audit Committee Vorsitz: + CHF 100'000–150'000.
Aktien-Komponente im Honorarmodell
Eine Aktien-Komponente kann auf mehrere Arten strukturiert werden:
Direkt-Aktien
- Aktien werden zum Marktpreis zugeteilt.
- Sperrfrist typisch 3-5 Jahre.
- Bewertung zum Zeitpunkt der Zuteilung.
Restricted Share Units (RSU)
- Versprechen auf Aktien-Lieferung nach Sperrfrist.
- Keine Aktionärsrechte während Sperrfrist.
- Bei Mandatsende-vor-Sperrfristablauf typisch Verfall.
Wahl-Optionen
- VR-Mitglied wählt Cash- oder Aktien-Anteil.
- Selten in Schweizer Praxis.
Performance-Bedingungen (selten bei VR)
- Aktien-Zuteilung an Performance gebunden.
- In Schweiz meist nicht angewandt (Best Practice: keine Performance-Bedingungen für VR).
Sitzungsgelder vs. Pauschal-Fixum
Die Wahl zwischen Sitzungsgeldern und Pauschalvergütung ist eine Grundsatzentscheidung:
Für Sitzungsgelder
- Belohnt Engagement: wer mehr leistet, bekommt mehr.
- Flexibilität bei aussergewöhnlicher Belastung.
- Transparenz: Vergütung direkt mit Arbeit verknüpft.
Für Pauschal-Fixum
- Planungssicherheit für beide Seiten.
- Vereinfacht Administration und Buchhaltung.
- Kein Anreiz zu unnötigen Sitzungen.
- Internationale Best Practice bei grossen Gesellschaften.
VR-Vergütung in Krisenphasen
Eine besonders sensible Frage ist die Vergütung in Krisen:
- Mandats-Anspruchssteigerung: mehr Sitzungen, höhere Belastung.
- Reduktions-Symbol: VR signalisiert Verzicht (Hauptaktionäre erwarten das oft).
- Talent-Bindung: zu starke Reduktion vertreibt Talente.
- Variability bei börsenkotiert: bei reiner Fixvergütung schwierig anzupassen.
Praktische Lösungen: temporärer Verzicht auf Teil der Vergütung, Verschiebung von Aktien-Zuteilungen, höhere Performance-Bedingungen für die Aktien-Komponente.
Steuer- und Sozialversicherungsfragen
Honorarmodell-Wahl hat Konsequenzen:
- Lohnausweis vs. selbständige Tätigkeit: beide möglich, unterschiedliche Behandlung.
- MwSt-Pflicht bei selbstständiger Tätigkeit ab Umsatz-Schwellen.
- AHV auf Vergütung in beiden Fällen.
- BVG nur bei Lohnausweis-Beziehung.
- Quellenbesteuerung bei ausländischen VR-Mitgliedern.
Häufige Fehler
Typische Schwächen bei Honorarmodellen:
- Veraltete Modelle: Beträge stammen aus Jahrzehnten.
- Mangelnde Differenzierung: alle VR-Mitglieder gleich, ungeachtet Beanspruchung.
- Komplexität: verschiedene Komponenten ohne klare Logik.
- Kommunikations-Lücken: VR-Mitglieder verstehen ihre Vergütung nicht vollständig.
- Fehlende Aktien-Komponente bei börsenkotierten — Long-Term-Alignment leidet.
Internationale Vergleich
- USA: Performance-Komponenten häufiger, höhere Beträge bei börsenkotierten.
- UK: überwiegend Fixum, klare Differenzierung Senior Independent Director.
- Deutschland: AktG schreibt vor, dass Vergütung „in einem angemessenen Verhältnis zu den Aufgaben" steht.
- Frankreich: umfangreiche Reglementierung bei börsenkotierten Gesellschaften.
Abgrenzung
- Vergütungssystem VR: die strategische Architektur — Honorarmodell ist die operative Konkretisierung.
- Vergütung: das, was effektiv ausbezahlt wird — das Honorarmodell legt fest, wie.
- Vergütungspolitik: breiterer Begriff — das Honorarmodell ist ein Element davon.
Häufige Fragen
Was ist ein Honorarmodell für Verwaltungsräte?
Welche Honorarmodelle sind in der Schweiz üblich?
Wie viel zahlt ein KMU einem Verwaltungsrat?
Was ist besser, Sitzungsgelder oder Pauschal-Fixum?
Sollte die VR-Vergütung eine Aktien-Komponente enthalten?
Wie wird die VR-Vergütung in Krisenphasen angepasst?
Wie unterscheidet sich VR-Vergütung von GL-Vergütung im Honorarmodell?
Welche Steuer- und Sozialversicherungsfolgen hat die Modellwahl?
Was ist ein VR-Retainer?
Verwandte Einträge
- Vergütung — Gegenleistung der Gesellschaft an Verwaltungsräte, Geschäftsleitung und Mitarbeitende für ihre Tätigkeit — bei Organen besonders regulierungs- und reputationsrelevant.
- Vergütungssystem VR — Strukturelle Architektur der Verwaltungsrats-Vergütung — Komponenten, Höhen, Differenzierungen und Governance-Mechanismen.
- Fixvergütung VR — Fester, leistungsunabhängiger Vergütungsanteil eines VR-Mitglieds — dominiert die Schweizer VR-Vergütungspraxis und sichert die Unabhängigkeit der Aufsichtsfunktion.
- Verwaltungsrat (VR) — Oberstes Leitungsorgan der Aktiengesellschaft mit unübertragbaren und unentziehbaren Aufgaben gemäss Obligationenrecht.